Titicaca: ...und zweitens als man denkt
von Monika
Wir reisen über die bolivianisch peruanische Grenze von Copacabana nach Puno
Nachdem wir uns nun also die Bäuche im bolivianischen Copacabana voll geschlagen haben, wandern wir um 13h mit Vollpackung zur Bushaltestelle, um in unseren „Direktbus“ nach Peru zu steigen. Als wir auf dem Platz ankommen sind wir leicht irritiert. Anstelle der sonst gewohnten lautstarken Geschäftigkeit, schlägt uns gähnende Leere entgegen. Kein einziger Bus, kein einziger Fahrgast, keine Strassenhändler, keine „eifrig Zielbahnhöfe ausrufenden Agentur-Schlepper“, kein Informationsschild. Einfach nichts... tote Hose 😶
Na ja, als erstes denken wir, wir hätten den Abfahrtsort des Busses missverstanden und wenden uns für eine Auskunft an eine Dame, die ihren Kopf aus der einzigen offenen Agentur am Platz streckt. Die Dame erklärt uns, dass heute kein Bus und kein Taxi zur Grenze fahre, da es eine Strassenblockade gebe. Alle Reisenden seien mit ihrem schweren Gepäck zu Fuss los gewandert, um das 8km entfernte Grenzdorf Kasani zu erreichen. Die Busse ihrer Gesellschaft (Titicaca) seien die einzigen, die auf der peruanischen Seite des Zolls die Strecke Kasani-Puno bedienten.... und ja, sie könne uns ein Ticket für einen dieser Busse verkaufen.... wie wir denn zur Grenze gelangen könnten?....zu Fuss eben, meint die Dame.
Wir sind konsterniert. Erstens haben wir bereits ein gültiges Bus-Ticket gelöst und wollen nicht einfach ein weiteres kaufen, ohne für unser nun nicht mehr brauchbares Ticket entschädigt zu werden. Zweitens, ist die Luft hier oben so dünn, dass ein 8 Kilometer Fussmarsch mit Vollpackung ausser Frage steht.
Erst jetzt fällt es uns wie Schuppen von den Augen, und alle Teile des Puzzles setzen sich zusammen:
Als wir zum Essen ins Restaurant spazierten, bemerkten wir noch wie ruhig heute (am Sonntag) die Stadt sei, keine Taxis, keine Autos, praktisch alle Tour-Agenturen geschlossen, kein Betrieb auf der Strasse... und ja, diese seltsame Bemerkung des Angestellten des la Cupula, der uns nach dem Auschecken kurz zurief: gehen sie einfach zum Strand und zahlen Sie nicht mehr als 40 Bolivianos. Diese einfach so als „en passant“ -Bemerkung hingeworfene Information ohne zusätzliche Einbettung, war für uns nicht fassbar. Wir haben nicht verstanden, was er denn damit meinte.
Wir verlassen also den Busbahnhof und gehen die 200m zum Schalter derjenigen Agentur, die uns das Busticket verkauft hat... wir haben Glück! Die Agentur hat nicht einfach wie alle andern (ausser Titicaca) dicht gemacht! Die Betreiberin sitzt mit einer Handarbeit hinter dem Tisch. Wir schwenken unser Ticket und geben zur Kenntnis, dass wir keinesfalls die 8km bis nach Kasani wandern werden und eine Rückerstattung des Kaufbetrages für unser nun wertloses Ticket erwarten würden; nach einer kurzen Patt-Situation erinnert sich Thierry irgendwo mal gelesen zu haben, dass Kasani auch über den Seeweg zu erreichen sei... und im Zusammenhang mit der Bemerkung des Angestellten von la Cupula, macht dieser Gedanke jetzt auch plötzlich Sinn.... ah deswegen sollen wir zum Strand und nicht mehr als 40 Bolivianos zahlen: Für einen „ausserordentlichen Transfer mit einem Fischerboot“ ! ...denn reguläre Schiffe nach Kasani verkehren nicht.
Wir handeln also mit der Agentur einen Tausch unseres Bus-Tickets mit der Gesellschaft Titicaca aus und eilen zum Strand, um einen Platz auf einem der kleinen Boote zu ergattern, die von der Ausnahmesituation profitieren und gestrandete Reisende nach Kasani übersetzen.
Nachdem der Bootsführer 10 Reisende auf seinem Schiff zusammengepfercht hat, startet er endlich den Aussenbordmotor und steuert das Boot in Schräglage über den See Richtung Grenze.
Nach etwa einer Stunde Fahrt nähern wir uns dem Ufer, an dem wir aussteigen sollen. Das Boot landet jedoch nicht an einem Steg, sondern steuert eine undefinierte Stelle im Schilf an. Aus dem Schilfgürtel heraus löst sich plötzlich ein Ruderboot, paddelt auf uns zu und legt sich längsseits an unser Boot. Wir turnen auf schwankenden Planken von einem Boot ins nächste. Je fünf Passagiere nimmt der Ruder-Bootsführer auf und paddelt diese durch den Schilfgürtel an Land....Für weitere 5 Bolivianos pro Nase. - natürlich ;-)
Und jetzt stehen wir wieder einmal inmitten der Pampas, am Rande eines Feldes und wissen nicht wohin. Zum Glück gibt es immer auch andere Reisende in der gleichen Situation. So versuchen wir in unserem Basic-Spanisch Informationen über die Lage und Entfernung der Grenzposten zu erlangen und „lemmingen“ mal vorläufig den anderen Reisenden über einen Trampelpfad hinterher. Auf dem Marsch Richtung Zivilisation (zum Glück gab es Kartoffelstock zum Mittagessen) stellt sich dann heraus, dass die anderen Reisenden Peruaner sind, die keinen Ausreisestempel der bolivianischen Grenzbehörde benötigen. Wir müssen also als einzige der Gruppe zuerst mal beim bolivianischen Grenzposten auschecken und danach beim peruanischen einchecken. Wir fragen uns also zu zweit durch, wandern an einem Bauern vorbei, der mit einem Holzpflug und zwei Ochsen sein Feld bestellt, erreichen nach circa 1km Fussmarsch die Gemeinde. Wir biegen um die erste Ecke und hier sehen wir tatsächlich in der Ferne einen Titicaca-Bus stehen. Wir legen einen Zahn zu, um den Busfahrer über unsere Mitfahr-Absicht zu unterrichten, damit er den Grenzposten nicht ohne uns verlässt. Bevor wir aber entspannt in die Sitze des Busses gleiten können, müssen wir die Grenzformalitäten erledigen. Wir hetzen also zum nächstgelegenen Zollhaus und weisen unsere Pässe vor. Der Zollbeamte sieht die Pässe durch, schaut uns an, blättert wieder und will partout keinen Stempel in die Dokumente knallen. Wir versuchen ihm zu erklären, dass wir wegen des Streiks mit dem Boot über den See gekommen sind und deswegen den Bus, der, draussen mit laufendem Motor steht nicht verpassen möchten. Der Zöllner schaut uns irgendwie seltsam lächeln an und sagt uns, dass wir trotzdem zuerst die Ausreisebestätigung aus Bolivien benötigten.
Jetzt fällt der Groschen:
Der Bootsführer hat uns auf der peruanischen Seite der Grenze ins Schilf gesetzt und wir befinden uns jetzt quasi als illegale Einwanderer auf der falschen Seite des Zolls. Dieses Zollhäuschen ist also peruanisch und wir outen uns gerade als illegale Boat-People 🙄.
Aehm....ach so .... vielen Dank... wir sind dann mal weg... wir verlassen das Zollhäuschen schleunigst 😏.
Danach stressen wir also in der Hitze des Nachmittags weiter über eine kleine Brücke zum anderen Zollhäuschen... (und jetzt geht die Laufrichtung auch mit unserer geografischen Orientierung auf.)
Von da an klappt alles reibungslos:
Bolivianische Ausreise bestätigt - Stempel - wieder zurück über die Brücke -peruanische Einreise bestätigt - Stempel - hinunter zum wartenden Buschauffeur, der schon unruhig von einem Bein auf das andere wippt und winkt, wir sollen uns beeilen, weil er endlich abfahren will. Ja ja schon gut 😓 3800 m.ü.M.!
Als letzte Passagiere klettern wir in den Bus und fahren unmittelbar darauf los... Richtung Puno. Geschafft!
eben:
...und zweitens als man denkt.
Kommentar von Thomas |
Boat People :) ..