Busfahren auf Vietnamesisch

Die menschliche Vorstellungskraft hat, wie wir heute erfahren durften, enge Grenzen. Hatten wir doch gedacht, dass die Busfahrtfahrt vom 31.10.2012 jeden Barkeeper mit seinem Schüttelbecher als Anfänger dastehen liess, so mussten wir heute erfahren, dass es noch eine höhere Stufe des Schüttelns gibt.

Wir stehen heute mit unserem Gepäck um 8:20h in Vieng Xay (Laos) an der "Hauptstrasse" welche von Sam Neua nach Thanh Hoa (Vietnam) führt. So richtig verbindliche Haltestellen, Fahrpreise und Fahrpläne gibt es in Laos eigentlich nicht. Wenn man irgendwo hin will, schildert man mehreren verschiedenen Personen sein Anliegen und fragt nach Fahrzeiten und Haltestellen. Irgendwann ergibt sich aus den verschiedenen Auskünften eine einigermassen übereinstimmende Aussage. Dieser Aussage folgend, stellt man sich dann an die Strasse (es gibt keine offiziell bezeichneten Haltestellen ausserhalb der Busbahnhöfe) und wartet. Kommt dann im Verlauf von circa einer Stunde ein Bus, hat man Glück gehabt und man kann das Fahrzeug mit einem Handzeichen zum Anhalten bewegen.

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Als wir heute nun also mitten in der "Pampas" stehen, und tatsächlich ein Kleinbus mit Gehupe heranrast um mit sportlicher Vollbremsung auf unserer Strassenseite zum Stehen kommt, wissen wir, da sitzt kein Laote am Steuer. Hop, hop einsteigen! Willkommen! Gepäck, Gepäck, Hinsetzen, hinsetzen...!!! Noch ganz benommen vom ungewohnt rasanten Tempo der Handlungen, drücken wir uns auf zwei der kleinen Sitze. Der Bus rast los.

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In beängstigendem Tempo geht es über die immer schlechter werdende Strasse, die gerade so breit ist wie unser Bus und riesige Schlaglöcher und schotterpistenähnliche Abschnitte aufweist. Der Fahrer betätigt alle 30 Sekunden seine Hupe, die in drei verschiedenen Varianten über einen Zeitraum von etwa 5 Sekunden selbständig einen Höllenlärm verursacht. Das heisst wir fahren eigentlich mit Dauerhupe durch die Gegend, überholen ALLES was vor uns fährt, kurven in einem Affenzahn um die Schlaglöcher, spielenden Kinder, Kühe, Schweine, Motorradfahrer und Lastwagen, während es seitlich steil in die Tiefe geht. Wir werden durchgeschüttelt und schlucken mehrmals leer: das was wir hier erleben schlägt alles bisher Dagewesene. Gut haben wir den Reiseführer nicht vorher gelesen. Hier ein paar Zitate:

"Verkehrssicherheit gehört nicht zu Vietnams Stärken und so werden die Strassen zwischen den Städten immer gefährlicher. Auf den Hauptstrassen ist Raserei an der Tagesordnung und Zusammenstösse sind ein erschreckend vertrauter Anblick geworden."

"Verkehrsregeln: Viele gibt's nicht, und wenn man so überlegt, eigentlich gar keine. Wichtig ist nur die Grösse, denn das stärkste Fahrzeug gewinnt."

Beruhigend, dass unser Fahrer die Kunst des Hupens exzessiv einsetzt, denn eine wichtige Voraussetzung für sicheres Fahren in Vietnam ist es, wie wir später erfahren, Fahrradfahrer, Motorroller und Fussgänger warnend anzuhupen. Dies wird nicht als aggressives Verhalten, sondern als willkommene Kommunikation angesehen.

Nach diesem kleinen Exkurs nun also zurück zu einigen Ereignissen, welche unsere 9 Stunden dauernde Holperfahrt unterbrechen. Da ist zuerst, nach circa 70 km Fahrt, der Zoll. Entgegen aller Vorwarnungen gehen die Zollformalitäten relativ reibungslos über die Bühne. Die Zollbeamten sind feundlich, wenn auch der Ablauf des Einreiseprozederes etwas improvisiert erscheint. Über das Niemandsland zwischen Laos und Vietnam gehen wir zu Fuss. Der Bus bringt dann das Gepäck nach. Dieses müssen wir zur Einreise ausladen und persönlich über die Grenze tragen, damit die Beamten die Sachen kontrollieren können. Der vietnamesische Zollbeamte anerbietet uns einen Wechselkurs von 2:1 für unsere restlichen laotischen Kip. (3:1 schlägt uns der Kurskalkulator unseres iPhones vor.) Deshalb spekulieren wir auf einen bessen Kurs auf dem Markt des vietnamesischen Grenzdorfes, wo wir einen Mittagsstop einlegen werden. Und siehe da, unsere Rechnung geht auf. Nach einigem Feilschen werden wir mit einem Händler bei 1:2.5 handelseinig. Damit werden wir erneut zu Millionären... ahh gutes Gefühl ;-)


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Nachdem wir am Mittag die Fahrt wieder aufgenommen haben ereignet sich noch folgendes kleines seltsames Intermezzo. Ein in die Gegenrichtung fahrender Geländewagen ist von der Strasse abgekommen und circa 200 m tief über die Bergflanke in den Fluss gestürzt. Etwa 15 helfende Personen waten im Wasser und versuchen das Auto flussaufwärts zu schieben, um es zu bergen. Als unser Fahrer den Wagen erspäht, hält er an und setzt den Bus zurück, damit alle Fahrgäste aussteigen und den Unfall diskutieren und begutachten können. Danach fährt er uns100 Meter in Fahrtrichtung vorwärts, damit wieder alle erneut aussteigen und diejenige Stelle begutachten können, wo die Spuren des Wagens über die Böschung in den Abgrund führen. Uns schaudert bei dem Gedanken dass...


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Unser Fahrer hingegen scheint wenig beeindruckt durch das Ereignis, denn er brettert mit unverminderter Geschwindigkeit weiter.

Die dritte unvorhergesehene Unterbrechung der Fahrt verursacht ein Lastwagen, dessen Hinterachse in einem Schlagloch feststeckt und die Strasse blockiert. Die beiden LKW-Fahrer versuchen mit einer Brechstange das Fahrzeug wieder flott zu kriegen. Leider ohne Erfolg. Das Ereignis zieht sofort viele schaulustige Kinder vom nahe gelegenen Dorf an. Als sie uns seltsame Langnasen erblicken, ist ihr Nachmittag gerettet. Sie kichern und scherzen und können sich an unserer ausserirdischen Erscheinung nicht satt sehen... und wir, sind damit natürlich legitimiert zurückzugucken und mit ihnen zu schäkern. Nach einem Zwangsstopp von einer halben Stunde gelingt es einem zweiten Lastwagen, den feststeckenden LKW mit einem Stahlseil wieder fit zu machen, so dass unsere Fahrt weiter gehen kann.

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Am Abend um 18:00 h erreichen wir Thanh Hoa, exakt zur "Rushhour". Es ist bereits Nacht und hunderte motorisierter und unmotorisierter Gefährte machen die Hauptverkehrsachse, welche die Stadt in zwei Teile schneidet, zu einem unüberwindlichen Strom aus hupenden Lichtern. Wir erblicken ein Hotel auf der anderen Strassenseite und wenden an, was uns Traveller auf dem Schiff auf dem Mekong als Taktik für Hanoi empfohlen haben: "Ihr habt keine Chance, wenn ihr auf eine Verkehrslücke wartet. Es gibt nur eine Taktik: Eine Hand in die Höhe strecken, damit ihr gut sichtbar seid, dann einfach in stetiger Geschwindigkeit vorangehen und darauf vertrauen, dass der Verkehrsfluss euch umspühlt." Und siehe da, wir überleben auch das! :-) Nicht sonderlich kritisch ergattern wir nach diesem anstrengenden Tag ein rettendes Hotelzimmer, das zwar nicht sonderlich sauber, dafür aber riesengross ist! :-) Naja auch egal...morgen fahren wir eh' gleich weiter in das pulsierende Herz Vietnams: nach Hanoi.

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